Besuch des Bundespräsidenten
Ansprache bündelt die Erlebnisse des Tages: „Unsere Verfassung, das sind Recht und Gesetz gewordene Errungenschaften, das sind Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie.“
Stadt Dorsten / Guido BludauZum Abschluss seines Besuchs feierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der St. Agatha-Kirche einen Gottesdienst mit über 500 Bürgerinnen und Bürgern, darunter Vertreter der Stadtgesellschaft und der Initiativen und Gruppen, die er im Laufe seines Aufenthalts in Dorsten kennengelernt hat.
In seiner Ansprache zum Abschluss der Andacht sagte Steinmeier: „Hier packen Menschen an – um gemeinsam Erinnerung zu pflegen und zu bewahren, um Benachteiligten zu helfen, um Teilhabe für alle zu ermöglichen. Mehr noch: Hier in Dorsten setzen sich Menschen für unsere Demokratie ein und setzen öffentlich Zeichen – für die Werte unserer Verfassung.“
Hier die Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Predigt von Weihbischof Rolf Lohmann im Wortlaut (es gilt das gesprochene Wort):
Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier:
Gemeinsam haben wir hier Gottesdienst gefeiert – in dieser geschichtsträchtigen und zugleich so lebendigen Kirche, und ich danke Ihnen allen. Man kann spüren, dass hier in Dorsten nicht nur der Glaube lebendig ist, sondern auch das Engagement von Menschen miteinander und füreinander. St. Agatha, das ist wie alle Kirchen ein Ort des Zusammenseins und der Begegnung.
Das christliche Bekenntnis ist geprägt vom Geist des füreinander Eintretens – und die Kirchen sind seit jeher tragende Säulen des Miteinanders in Deutschland, denn unter ihrem Dach kümmern sich Menschen um Bedürftige, spenden Wärme, Essen und Trost, begleiten Sterbende, helfen Geflüchteten beim Ankommen in Deutschland. Diese Arbeit ist so wertvoll, gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nach Halt und nach Gemeinschaft suchen, und ich danken Ihnen allen für Ihren Einsatz! Dass die oft unsichtbare, aber unverzichtbare Arbeit von Ehrenamtlichen sichtbar wird, ist entscheidend, denn diese Menschen verdienen unser aller Wertschätzung für ihr Engagement!
Wie viel Engagement es in Ihrer Stadt gibt, das habe ich heute selbst erleben können, ob beim Säubern von Stolpersteinen in der Ursulastraße, im Jüdischen Museum oder heute Nachmittag im „Grundgesetzladen": Hier packen Menschen an – um gemeinsam Erinnerung zu pflegen und zu bewahren, um Benachteiligten zu helfen, um Teilhabe für alle zu ermöglichen. Mehr noch: Hier in Dorsten setzen sich Menschen für unsere Demokratie ein und setzen öffentlich Zeichen – für die Werte unserer Verfassung. Als Stadt tun Sie das schon zum sechsten Mal mit den Dorstener Tagen des Grundgesetzes, und auch dafür danke ich allen, und ganz besonders Ihnen, lieber Herr Professor Springer, für die großartige Idee!
Unser Grundgesetz verdient allemal, dass wir ihm Aufmerksamkeit schenken. Unsere Verfassung, das sind Recht und Gesetz gewordene Errungenschaften, das sind Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie. Errungenschaften, die alles andere als selbstverständlich sind – das sehen wir dieser Tage in vielen Teilen der Welt.
Demokratie ist eben nicht nur Kopfsache. Sie braucht Menschen, die sich einbringen, die mitmachen, die sie zu ihrer Sache machen. Und deshalb ist es mir so wichtig, dass wir den Geburtstag unserer Verfassung am 23. Mai öffentlich, selbstbewusst und fröhlich feiern, als deutschlandweiten Ehrentag, als Mitmachtag, zu dem ich alle Bürgerinnen und Bürger einladen möchte.
Gerade für den Geburtstag unseres Grundgesetzes wünsche ich mir, dass wir ins Handeln kommen, dass wir gemeinsam etwas tun, füreinander und für dieses Land. Wenn Menschen erleben, dass sie selbst etwas bewirken können, dann ist das eine demokratische Grunderfahrung. Das Gefühl, selbst etwas verändern zu können und zu wissen, dass es auf jede und jeden Einzelnen ankommt – dieses Gefühl verändert unseren Blick auf die Welt, auf unser Gemeinwesen, auf unsere freiheitliche Demokratie. Und diese Erfahrung, das ist die Idee, sollten rund um den 23. Mai möglichst viele Menschen an möglichst vielen Orten unseres Landes machen können. Der Ehrentag soll Mut machen durch Mitmachen!
Herzlichen Dank, dass Sie mich zu Ihren Tagen des Grundgesetzes eingeladen haben. Und dieser Dank geht ganz ausdrücklich auch an Sie, Herr Bürgermeister, und die vielen Menschen, die Sie bei der Vorbereitung unterstützt haben.
Sie alle haben Ideen eingebracht, haben angepackt und gemeinsam Großartiges auf die Beine gestellt. Auch das zeigt: Was zählt, ist der Schritt ins Tun. Ich freue mich, wenn auch Sie mit dabei sind! Kein Beitrag ist zu klein, jedes noch so kurze Engagement ist wichtig. Für diesen Ehrentag zur Feier unserer Verfassung, unsere Demokratie und unser Miteinander gilt eines gleichermaßen: Wir entscheiden, was wir daraus machen!
Predigt von Weihbischof Rolf Lohmann:
Lesung aus dem Buch der Psalmen, Psalm 139:
HERR, du erforschest mich und kennest mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Du bist wunderbar gemacht. Ich bin wunderbar gemacht. Der Psalm 139, aus dem wir soeben einige Verse gehört haben, nimmt uns mit in eine Beziehung. Es gibt ein ICH, das sind wir, die wir den Psalm heute mitbeten, und es gibt ein DU. Das ist Gott.
Gott wird für uns zum Du. So können wir Gott anreden als eine Person, als „Vater im Himmel“, wie es Jesus von Nazaret schon getan hat. Die alten Worte des Psalms setzen uns in ein Verhältnis zu Gott.
„Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Wunderbar gemacht, das heißt auch: Du bist kein Zufall. Ich bin kein Zufall. Wir sind gewollt, gewünscht, geliebt. Die Bibel erzählt ganz am Anfang, dass Gott die Menschen geschaffen hat, sich selbst zum Ebenbild. Das kann kein Zufall sein. Damit fängt die Bibel an, und damit hört sie auf: Gott wird Mensch. Er lebt, leidet und stirbt als Mensch, und heiligt damit das Menschsein.
Der Mensch als Ebenbild Gottes. Das bedeutet auch: Wer die Menschenwürde verletzt, handelt gegen Gott. Deshalb stehen wir Kirchen mit dem Staat ein für diesen ersten Satz im ersten Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
Das haben Grundgesetz und das jüdisch-christliche Menschenbild gemeinsam: Sie beschreiben mit der Würde des Menschen einerseits eine Wirklichkeit und andererseits einen Anspruch: Ihr Versprechen gilt schon und muss doch immer wieder neu verwirklicht und eingelöst werden, weil die Würde des Menschen angetastet wird, Tag für Tag, überall auf der Welt, auch in unserem Land, auch in unseren Kirchen.
Die Menschenwürde zu schützen ist unsere gemeinsame Aufgabe. Für die Grundrechte einzustehen ist unsere gemeinsame Aufgabe. Aus der Vergangenheit zu lernen, das ist auch unsere gemeinsame Aufgabe. Geschehenes Unrecht muss dokumentiert und aufgearbeitet werden.
Papst Franziskus hat uns seinerzeit mit der Enzyklika Fratelli tutti 2019 daran erinnert, dass daran durchaus die Zukunft der Menschheit insgesamt hängt. Er schreibt (S. 107):
„Jeder Mensch hat das Recht, in Würde zu leben und sich voll zu entwickeln, und kein Land kann dieses Grundrecht verweigern. Jeder Mensch besitzt diese Würde, auch wenn er wenig leistet, auch wenn er mit Einschränkungen geboren oder aufgewachsen ist; denn dies schmälert nicht seine immense Würde als Mensch, die nicht auf den Umständen, sondern auf dem Wert seines Seins beruht. Wenn dieses elementare Prinzip nicht gewahrt wird, gibt es keine Zukunft, weder für die Geschwisterlichkeit noch für das Überleben der Menschheit.“
Wunderbar gemacht. Wir glauben gemeinsam mit Jüdinnen und Juden und Musliminnen und Muslimen, dass Gott alle Menschen geschaffen hat. Weil wir den gleichen Schöpfer haben, kommt auch allen Menschen die gleiche Würde zu. Das verbindet uns, über alle Grenzen hinweg, mit Gott und miteinander. So, wie das Grundgesetz uns in Deutschland verbindet und zusammenhält, über alle Grenzen und Unterschiede hinweg.
Das, liebe Festgemeinde, lasst uns mitnehmen in den Alltag: Du bist wunderbar gemacht. Das gilt für uns alle hier und überall.
Einige Erstkommunionkinder aus der Pfarrei zeigen uns das jetzt: Ganz verschiedene Menschen verbinden sich mit bunten Tüchern, die dafür stehen, dass wir alle unterschiedlich, und doch miteinander in Würde und in Ebenbildlichkeit Gottes verbunden sind. Amen.
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