Stadt Dorsten - Tisa_von_der_Schulenburg_Preis_2010
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Die Tisa-von der Schulenburg-Stiftung informiert:

Tisa-von-der-Schulenburg-Preis 2010

Jury wählt Joanna Schulte (Hannover)

Dorsten. Eine Künstlerin, die die neuen Medien faszinierend und subjektiv benutzt: Fotografie, Video-Projektion, audiovisuelle Produktionen. Joanna Schulte, geboren 1969 in Osnabrück, inzwischen in Hannover beheimatet, erhält den Tisa-von-der-Schulenburg-Preis 2010. Die Jury, die jetzt im Dorstener VHS-Forum tagte, sprach sich einstimmig für diese Multimedia-Künstlerin aus.

Die Verleihung der renommierten und etablierten Auszeichnung findet in Dorsten statt. Wo - das ist derzeit noch ungewiss, auch der Termin steht noch nicht fest. Einer der möglichen Orte ist das Ursulinen-Gymnasium, an dem einst Schwester Paula (Tisa) unterrichtete und über ein Atelier verfügte. Auch das Alte Rathaus am Marktplatz ist für die Preisverleihung im Gespräch.

Die letzte Preisträger-Ausstellung 2007 fand im Obergeschoss des alten Woolworth-Kaufhauses statt. Die Ausstellungsfläche wurde vom Verein Virtuell-Visuell (ViVi) zur Verfügung gestellt. ViVi hat in diesem Jahr einen neuen Ausstellungsraum in der Wiesenstraße 4 bezogen - zentral zum Marktplatz und in unmittelbarer Nähe zum Ursulinen-Kloster. Hier wird voraussichtlich die nächste Preisträgerausstellung stattfinden. Die Jury sieht in dieser Suche und dem Entdecken neuer/alter Orte eine besondere Spe-zialität des Tisa-Preises. Bei jeder neuen Ausschreibung wird jeweils ein neues, zum Künstlercharakter und -profil passendes Forum aufgespürt.

Eine reizvolle Variante in der Landschaft deutscher Kunstauszeichnungen.

Joanna Schulte, die bereits mit verschiedenen Preisen in Lüdenscheid, Hürth, Marl u. a. auf sich aufmerksam machen konnte, studierte an der Fachhochschule Hannover, wo sie von 2006 bis 08 auch einen Lehrauftrag übernahm. Ihre Arbeiten waren in Einzel- oder Gruppenausstellungen in Essen, Wilhelmshaven, Kopenhagen, Lodz, Mannheim, Hannover, Bremen u. a. zu sehen. Ihre Video-Installationen, Fotografieserien und Projektionen erzählen, realistisch behutsam und parabelhaft ausgerichtet, Geschichten - von Menschen und von ihrem Leben. Von Hoffnungen und Sehnsüchten, von der Vergangenheit und der Gegenwart, von kleinen und großen Abenteuern der Humanitas, von Märchen und wie sie übertragen werden auf die (fragwürdige) Wirklichkeit. Schein und Sein begegnen und durchdringen sich.

In der Video-Arbeit "Hermannstraße“ beschäftigt sich Joanna Schulte mit dem Allein- und Altsein: Die Kamera betont das Eindringen in eine problematische Privatheit, die zum Ausgangspunkt für verschiedene Themenbereiche und Fragestellungen wird: Wie weit darf sich Kunst in die Intimsphäre vorwagen, was ist Voyeurismus, wo bleibt die eigene Kontrolle, wie begegnet man der allgemeinen Gleichgültigkeit gegenüber einem einzelnen Schicksal, was geschieht alles hinter den geschlossenen Gardinen? Die Ortsbeschreibung wird zur städtischen Jedermann-Adresse.
In der Foto-Serie "Das Brautkleid“ spielt sie mit Versatzstücken des Schönen und des Hässlichen. Die Bilder laden ein zum (Alb-)Traum über ein menschliches Verhalten, über die Farben, die uns bedrängen und über das Abgenutzte, das uns einmal viel wert war.

In "Oma G.“ spricht eine Frau, die Flucht und Tod in ihrem reichen Leben erlebt hat, über den Umgang mit dem Verlust - von Menschen, von Besitz, von Märchenträumen, von kleinen Sehnsuchten nach der Liebe und der Anerkennung. Aber, so lautet die Quintessenz des scheinbar anmutigen Bilderflusses. Das Leben ist kein Märchen. Es ist brutal. Und lässt kaum Chancen für die Überwindung von Verlust.

Joanna Schulte verarbeitet individuelle Sujets, die sie in eine Verallgemeinerung transferiert. Ihre Oma, ihre (verstorbene) Mutter geben die Impulse für ein mediales Interesse an Frau, Familie-Individuum und Gesellschaft. Sie spricht von "visueller Poesie“ und von den "stillen Katastrophen“, mit denen sie gegen Klischees und falsche Traditionen angeht: eine Künstlerin, die sozial auftritt, die sich auflehnt gegen das Verstummen - doch ihre fotografischen und audiovisuellen Appelle verzichten auf das Laute, Grelle, Überzeichnete oder gar Provokative.

Joanna Schulte befragt deutsche Befindlichkeiten und Mentalitäten. Ihre Kamera wird zum ästhetischen und lyrischen Seismographen für eine fragile und fragmentarische Entdeckungsreise, die "einen Spagat vollzieht zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Be-troffenheit und Distanz“ (Schulte). Und sie macht gleichzeitig allen Mut, typische gesellschaftliche Muster zu verlassen und auf das Recht am individuellen Wert zu pochen.

Joanna Schultes filmisches und fotografisches Kaleidoskop puzzelt Elemente der Wirklichkeit in Frage und Antwort zusammen: mit dem Ja zur Lebenswahrheit.

Autor: Jörg Loskill
Jörg Loskill gehört mit Marion Taube, Dr. Rüdiger Fenne und Dr. Uwe Rüth der Jury an, die am 06.10.10 in Dorsten über den 5. Tisa-Preis entschied. Die 130 eingereichten Arbeiten mit internationaler Beteiligung wurden in fünf Durchgängen gesichtet, diskutiert und nach ihrer Bedeutung im Dialog mit dem Tisa-Schaffen befragt.
Die professionelle Performance bei der Einreichung der Bewerbungen wurde insgesamt begrüßt und betont.
Das Gesamtniveau lag über dem der früheren Wettbewerbe. Auch dies wurde positiv von der Jury vermerkt.
In der vierten Runde konzentrierte sich diese Diskussion schließlich auf drei Künstler(innen): Joanna Schulte, Katrin Bertram

Nach nochmaliger Diskussion entschieden sich die Juroren für die Video-Künstlerin und Fotografin J. Schulte. Diese Entscheidung fiel nach gut vier Stunden der Jury-Sitzung einstimmig.

Muttergedenken Biografie der Preisträgerin Joanna Schulte

 

HermannstraßeBrautkleid