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01.05.2015
Stellungnahme der Stadt Dorsten zum Bericht des ARD-Magazins Monitor über einen Jugendhilfefall

Logo Aktuelles im MaiDer Bericht des ARD-Magazins „Monitor“ am gestrigen Donnerstag befasst sich mit Auslandsmaßnahmen der Jugendhilfe. In der Sendung ging es unter anderem auch um einen Fall aus Dorsten. 

Es handelt sich um eine äußerst sensible Thematik, bei der von allen Beteiligten Datenschutz und das Wohl des Kindes zu beachten sind. Insofern können dezidierte Aussagen und Erläuterungen, die Rückschlüsse auf den konkreten Einzelfall zulassen, nicht gemacht werden. In dem Bericht wurde Jugendamtsleiter Dietmar Gayk nur mit zwei kurzen Sätzen zitiert. Das Interview zu vielen allgemeinen Fragen dieser Thematik hat tatsächlich rund 90 Minuten gedauert.

Einige Aspekte zum Thema aus unserer Sicht:

Wann schicken wir ein Kind zu einer Betreuung ins Ausland?

  • Auslandsaufenthalte sind in der Regel intensivpädagogische Maßnahmen, oft 1:1-Betreuungen. Sie sind das letzte Mittel, wenn andere stationäre Hilfsangebote nicht mehr den erwünschten Erfolg bringen.
  • Nach Anregungen der behandelnden Ärzte und / oder Kinder- und Jugendpsychiater fragen wir bei den Trägern, mit denen wir langjährige Erfahrungen haben, nach geeigneten Angeboten. Es ist ohnehin nicht leicht, „maßgeschneiderte“ Angebote zu finden. Manchmal liegen solche Therapie- und Betreuungsplätze im Ausland. Das ist aber nicht das entscheidende Kriterium für die Auswahl.
  • Wenn wir die Wahl haben, bevorzugen wir ein gleiches Angebot im Inland. Der in „Monitor“ genannte Fall ist derzeit und seit vielen Jahren der einzige, bei dem die Stadt eine Auslandsmaßnahme veranlasst und zugleich ein städtischer Mitarbeiter die Vormundschaft innehat.
  • In diesem Fall hat das Jugendamt der Stadt Dorsten vier Monate lang nach einer geeigneten Betreuung gesucht und dabei sieben Absagen für die Unterbringung im Inland erhalten.
  • Zur Einordnung: Das Jugendamt betreut ständig rund 180 bis 200 Kinder und Jugendliche, die stationär untergebracht sind (Pflegefamilie, Wohngruppe, Intensivbetreuung etc.).
  • Die Kosten von Auslandsmaßnahmen sind in der Regel weder wesentlich höher noch geringer als bei vergleichbaren Inlandsmaßnahmen (200 bis 300 ? pro Tag). Die derzeit teuerste Maßnahme des Jugendamtes Dorsten wird mit einem Tagessatz von 350 Euro abgerechnet und liegt im Inland.

Die Kontrollmechanismen

  • Mit dem in diesem Fall genannten Träger arbeitet die Stadt Dorsten seit vielen Jahren auch bei Inlandsmaßnahmen zusammen – bisher ohne Anzeichen dafür, dass es seitens des Trägers beachtenswerte Mängel gibt.
  • Zum 20-jährigen Bestehen des Trägers gratulierte das Landesjugendamt Münster dem Träger wie folgt: Wenn zu Anlässen wie diesem die „Aufsichtsbehörde“ eingeladen wird, dann verstehe ich das als ein Zeichen der langjährigen guten Zusammenarbeit zwischen der Einrichtung und dem LWL-Landesjugendamt in der gemeinsamen Verantwortung für den Schutz und die pädagogische Begleitung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien. Da ich im LWL-Landesjugendamt bereits länger als 20 Jahre tätig bin - anfangs als Fachberater für die Beratung und Aufsicht mit der Zuständigkeit für die Stadt Bochum und einige andere Regionen - kann ich mit Fug und Recht behaupten: Ja das stimmt! 20 Jahre heißt auch 20 Jahre gute und vor allem vertrauensvolle Zusammenarbeit. Peter Dittrich (Landesjugendamt Münster).“ 
  • Die Kontrollpflichten sind im Gesetz und in Fachkommentierungen zum SGB VIII nicht eindeutig geregelt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) hat daher bereits 2007 angeregt, „bundesweite Qualitätsstandards vor allem zur Sicherung von Struktur- und Prozessqualität auszubauen“. Die Überprüfung soll durch die Bundes- und Landesebene erfolgen. Solche Instrumente stehen derzeit nicht zur Verfügung.

Der Fall „Paul“ in Ungarn

  • Die hier gewählte Maßnahme entspricht nach Leistungsbeschreibung und Angebot des Trägers den Anforderungen und Empfehlungen der damals behandelnden LVR-Landesklinik.
  • Der in „Monitor“ vermittelte Augenschein trügt. Die Aufnahmen zeigen vor allem den Hinterhof und Stallgebäude. Die Unterbringung orientiert sich an den Empfehlungen und Vorschlägen der damals behandelnden Klinik. Im Haus steht für „Paul“ natürlich ein eigenes Zimmer mit Dusche und WC zur Verfügung.
  • Der vor Ort eingesetzte Betreuer weist nach Angabe des Trägers alle erforderlichen Qualifikationen auf, die geforderte Betreuung zu gewährleisten.
  • Die jetzt zuständige deutsche Fachklinik hat „Paul“ mehrfach in Ungarn besucht und begutachtet.
  • Ein Besuch des Vormunds ergab, dass „Paul“ sich in Ungarn wohl fühlt und dass die Betreuung Erfolge zeigt.
  • Nach dem „Monitor“-Bericht wird öffentlich die emotionale Forderung erhoben, die laufende Maßnahme sofort zu beenden. Nach allen uns vorliegenden Informationen, Einschätzungen und Gutachten halten wir dies derzeit für falsch, werden diese Frage aber objektiv und unter Berücksichtigung der medizinischen und jugendpflegerischen Beurteilung sowie des Kindeswohles prüfen.
  • Nach derzeitiger Einschätzung der Betreuer und der behandelnden deutschen Ärzte soll die Maßnahme in Ungarn noch mindestens ein halbes Jahr fortgesetzt werden, da sie deutliche positive Entwicklungen zeigt.
  • In der ersten Maiwoche ist ein weiterer Besuch eines erfahrenen Mitarbeiters des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) der Stadt Dorsten geplant. Wir haben hierfür einen Mitarbeiter ausgewählt, der mit dem Fall „Paul“ bisher nicht betraut war.
  • Bürgermeister Tobias Stockhoff, Jugenddezernent Lars Ehm und Jugendamtsleiter Dietmar Gayk haben die Akten zu dem geschilderten Fall zwischenzeitlich dem zuständigen Landesjugendamt in Münster zur Verfügung gestellt.

Die Erfüllung der Schulpflicht

  • Dass „Paul“ in Ungarn nicht gemäß der Schulpflicht unterrichtet wurde, wertet das Monitor-Team als Beleg dafür, dass Auslandsmaßnahmen unzureichend überprüft werden und schlecht ausgestattet sind.
  • Diese Einschätzung blendet aus, dass die Beschulung  nur einer von vielen Aspekten ist – aber nicht der wichtigste aus Sicht der Mediziner und der Jugendhilfe. Bei Individualpädagogischen Maßnahmen steht beispielsweise die Stabilisierung und Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes im Vordergrund – als Voraussetzung dafür, dass Beschulung später überhaupt wieder erfolgen kann. Der Gesetzgeber lässt ausdrücklich ein Aussetzen der Schulpflicht zu.