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23.03.2015
„Ihr seid zum lebendigen Stolperstein für unsere Stadtgesellschaft geworden“

GedenkfeierRede von Bürgermeister Tobias Stockhoff anlässlich der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Bombardierung Dorstens am 22. März 2015 in der St. Agatha-Kirche. 

 

Buergermeister Tobias StockhoffLiebe Schwester Johanna als Ehrenbürgerin unserer Stadt,

lieber Lambert Lütkenhorst als Altbürgermeister unserer Stadt,

liebe Schülerinnen und Schüler,

liebe Projektbeteiligte,

liebe Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften,

sehr geehrte Abgeordnete,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus Rat und Verwaltung,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

der 22. März 1945 ist ein Tag, der sich in die Seelen vieler älterer Menschen unserer Stadt eingebrannt hat.

Ein Tag, der eine Zäsur – einen wahrhaftigen Einschnitt – in das Herz unserer Altstadt, in das Herz des Dorfes Wulfen bedeutet.

Ein Tag, der uns Dorstenerinnen und Dorstenern wohl mehr als jeder andere Tag unsere Verantwortung für die Zukunft in Erinnerung ruft und uns Verpflichtung sein sollte.

Liebe Schülerinnen und Schüler,

liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

zu den besonderen Aufgaben einer Ehrenbürgerin gehört es, dass sie uns durch ihre Worte und ihr Handeln im positiven Sinne begleitet und uns zum Guten für unsere Stadt ermutigt.

Dass Sie, liebe Schwester Johanna, dieser Aufgabe unermüdlich nachkommen, ist aufgrund Ihrer zahlreichen Verdienste unbestritten.

Im vergangenen Jahr hat unsere Ehrenbürgerin nicht durch Ihr Handeln, durch Ihre Worte zu uns Dorstenerinnen und Dorstenern gesprochen.

Am 22. März 2014, haben Sie, liebe Schwester Johanna, im Anschluss an die Gedenkandacht – mit den gerade einmal 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – ein stilles Zeichen gesetzt.

Sie haben leise hier vorne in der St. Agatha-Kirche geweint.

  • Geweint um Ihre geliebte und zur Heimat gewordenen Stadt.
  • Geweint in Erinnerung an Ihre Rückkehr aus Berlin ins völlig zerstörte Dorsten.
  • Geweint um die vielen Opfer von Krieg, Terror und Gewalt.
  • Und vielleicht auch geweint um die vielen Mitbürgerinnen und Mitbürger, für die dieser Tag inzwischen zu einem Tag wie jeder andere Tag im Jahr geworden ist.

Liebe Schwester Johanna,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ihr Zeichen hat mich tief berührt und bewegt. Ich habe es für mich als eine Verpflichtung, als einen Auftrag empfunden.

Der 22. März ist für uns Dorstenerinnen und Dorstener eben kein Tag wie jeder andere.

Er ist ein Tag, den wir niemals in unserer Geschichte aussparen, verschweigen oder gar streichen können.

Er ist der größte Stolperstein in unserer Stadtgeschichte, der uns Dorstenerinnen und Dorstener an unser moralisches Versagen als Volk und als Stadtgesellschaft während des nationalsozialistischen Terrors erinnert.

Der uns vor Augen führt, dass der Zweite Weltkrieg von deutschem Boden ausging und Leid, Terror und Tod über ganz Europa brachte.

Optisches Symbol für diesen Stolperstein ist die Kirche, in der wir heute

  • den Opfern dieser Bombenangriffe,
  • den Opfern von Krieg und Gewalt
  • und den Opfern unter unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gedenken, denen kleine, individuelle Stolpersteine in unserer Stadt gewidmet wurden.

Wir dürfen den Mut und die Weitsicht der damaligen Baumeister der St. Agatha-Kirche bewundern, sich getraut zu haben, nicht etwas Neues, etwas Zweckmäßiges, etwas Verschleierndes hier ins Herz unsere Altstadt zu setzen.

Die nicht einfach die zerstörte St. Agatha-Kirche wieder im Ursprung aufgebaut haben, wie sie einst die Dorstener Altstadt schmückte.

Gedenkfeier

Diese Kirche ist aus den Trümmern, aus der moralischen Trümmerwüste unserer Stadt errichtet worden.

Sie ist damit ein weit sichtbarer Stolperstein.

Ein Stein den Stolperns, über den bis zum heutigen Tage unsere Gedanken, unsere Selbstsicherheit und unsere Gleichgültigkeit in Frage gestellt werden sollen.

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Schulen in unserer Stadt, tragt heute mit Euren Beiträgen, mit Euren Ideen zum Erinnern für die Zukunft dazu bei, dass wir Dorstenerinnen und Dorstener uns wieder bewusster über diesen 22. März werden können.

So danke ich persönlich sehr herzlich allen, die sich dieser Verantwortung für die Zukunft gestellt haben und diesen Gedenktag in Wulfen und in der Altstadt Dorstens vorbereitet und auch intensiv medial begleitet haben.

  • ob im Gebet, historisch, künstlerisch oder musikalisch.
  • ob jung oder alt.
  • ob ehrenamtlich oder hauptberuflich.

Sie und Ihr seid damit zu einem unverzichtbaren und lebendigen Stolperstein für unsere Stadtgesellschaft geworden.

Sie und Ihr erinnert uns damit eindringlich an unsere Verantwortung für die Zukunft.

Sie und Ihr fordert uns damit auf, auf die Zeitzeugen - die heute auch unter uns sind und die ich herzlich begrüße - zuzugehen und ihnen und ihren Geschichten zuzuhören

Eine zeitlich verstreichende Chance, das Grauen des Krieges, des Terrors, des Hasses und der Gewalt nicht aus Büchern zu erfahren, sondern von glaubwürdigen Zeugen persönlich geschildert zu bekommen.

Ich bitte Euch, ich bitte Sie von Herzen:

Nutzen Sie diese Chance!

Die Schülerinnen und Schüler um Karlheinz Stroetzel haben mit dem Titel „Erinnern für die Zukunft“ unser heutiges Gedenken sehr bewusst mit einem Blick, ja, mit einem uns fordernden Blick, in die Zukunft verbunden.

Das Gedenken an die Toten, an die Opfer von Krieg und Gewalt, ist gleichsam immer eine Mahnung für die Zukunft.

Eine Erinnerung an unsere gesellschaftliche und individuelle Verpflichtung, für Frieden und Freiheit einzustehen.

Frieden kann aber nur dort entstehen, wo man dem erbarmungslosen Hass und der unbändigen Gewalt mit einer grenzenlosen Nächstenliebe und mit dem vorbehaltlosen Mut zur Versöhnung begegnet.

Wir dürfen als Nation und als Stadt dankbar sein, dass uns Menschen mit diesem Mut zur Versöhnung begegnet sind.

Man hat uns ermöglicht, dass wir unser Land, unsere Stadt, in ihrer Mitte die St. Agatha-Kirche und unsere Seelen auf den realen und moralischen Trümmern neu errichten konnten – letztlich als Mahnung und mit dem Willen, es künftig besser zu machen.

Wir dürfen uns dankbar schätzen, dass uns heute – bei dieser Gedenkfeier – ein Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde besucht und dass wir beispielsweise in England, in Frankreich, in Polen oder in Israel Partnerstädte und Freunde haben.

  • Freunde, die uns verziehen haben.
  • Freunde, die uns eine neue Chance gegeben haben.

Nach dem Leid, welches Deutschland über Europa gebracht hatte, war das keine Selbstverständlichkeit.

Man hat mit uns einen Neuanfang gewagt.

Dieser Neuanfang beginnt aber immer im Kleinen.

Er beginnt in jedem Einzelnen von uns.

In Vorbereitung auf diese Rede habe ich vor einigen Tagen einen Radiobeitrag über den Seligen Karl Leisner gehört.

Ein Widerstandskämpfer, der kurze Zeit nach dem Ende des Krieges und nach seiner Befreiung an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist.

Die Deutsche Post hat ihm in diesen Wochen eine Sonderbriefmarke gewidmet.

Auf der Briefmarke steht:

„Segne auch, Höchster, meine Feinde“

Vor Ihnen liegt ein Briefumschlag. In jedem dieser Briefumschläge befindet sich eine solche Marke.

500 x 65 Cent.

Es liegt an Ihnen, dieses persönliche Geschenk, die persönliche Bitte des Bürgermeisters, in den nächsten Tagen klug zu investieren und vielleicht einem Menschen zu schreiben, wo ein Neuanfang möglich werden kann.

Ein Neuanfang für den Frieden in uns, in unserer Stadt, in unserem Land und in der Welt.

Erinnern wir uns an diesem 22. März immer für die Zukunft!

Vielen Dank!

 

Quelle: "Die Fotos wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von René Franken“